Aus der Geschichte des Volto Santo in Manoppello

Die erste Erwähnung der Grabtücher findet sich im Johannesevangelium, Kapitel 20, 3-7: "Da machten sich Petrus und der andere Jünger, den Jesus liebte, auf und gingen zum Grabe. Der andere Jünger lief voraus und kam zuerst an das Grab. Nun kommt auch Petrus hinter ihm her und sieht die Binden daliegen und das Schweißtuch, das auf seinem Kopf gewesen war. Doch es lag nicht bei den Binden, sondern für sich zusammengefaltet an einer besonderen Stelle."

Ich füge neben dieser Übersetzung der Jerusalemer Bibel die Übersetzung der Verse 6 und 7 von Prof. Heinrich Pfeiffer, Rom, an: "Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein und nimmt die liegenden Leinentücher wahr und das Schweißtuch, das auf seinem Kopf gewesen war. Dieses lag nicht zusammen mit den Tüchern (flach), sondern blieb gesondert, einhüllend, (und zwar) an einer Stelle (so wie es vorher gewesen ist)", (zitiert nach: Bulst/Pfeiffer, Das Turiner Grabtuch und das Christusbild).
Eine weitere sehr frühe Erwähnung des Tuches findet sich in einer Marienlegende, einem Text aus dem 6. Jahrhundert aus Tiflis, Georgien: "Nach der Himmelfahrt Christi bewahrte die unbefleckte Jungfrau ein Bild, das auf oder über dem Grabtuch entstanden war. … Jedes Mal, wenn sie ihren Sohn zu verehren wünschte, spannte sie das Bild nach Osten hin auf und betete davor mit Blick auf ihren Sohn", (zitiert nach Badde: Das göttliche Gesicht).
Durch weitere frühe Legenden (Abgar, Kamulia) können wir den Weg des Tuches verfolgen: von Jerusalem gelangte es nach Edessa, dann nach Kamulia und im 6. Jahrhundert mit Teilen des Heiligen Kreuzes nach Konstantinopel. Vor der Gewalt der byzantinischen Bilderfeinde wurde es Anfang des 8. Jahrhundert geschützt, indem es nach Rom gebracht wurde. Es sei auf wunderbare Weise dorthin gelangt, schildert eine alte Überlieferung. Tatsächlich war es der griechische Papst Johannes VII., der das Tuch seit 705 als "Veronica" in Rom verwahrte (zitiert nach Resch, Das Antlitz Christi).
Der Name "Veronica" ist eine Wortbildung aus dem Ausdruck "Vera Icona" (wahres Bild), mit dem man die "nicht von Menschenhand gemachten" Bilder Christi im Hochmittelalter bezeichnete. Die Legende der Veronica, die auf dem Weg nach Golgatha dem Christus ein Tuch reicht, um sein Blut und seinen Schweiß abzuwischen, hat möglicherweise ihre Entstehung im Mittelalter. Andererseits gibt es eine frühe Erwähnung der Gestalt der Veronica im 6. Jahrhundert, und auch die Seherin Anna Katharina Emmerich erwähnt in ihren Visionen eine Veronica, die auf dem Kreuzweg mit ihrem Schultertuch das Gesicht Christi berührte. Es seien aber reine Blutspuren gewesen, anhand derer das Antlitz zu erkennen war,(zitiert nach Emmerich, Das bittere Leiden).
In Rom erzählen zahlreiche Beschreibungen zwischen dem 8. und dem 16. Jahrhundert von einem sehr dünnen Schleier, auf dem von beiden Seiten ein Antlitz zu sehen war, das von Haaren eingerahmt und mit Blut befleckt war und das auch eindeutig zu einem lebendigen Menschen mit geöffneten Augen gehörte. Die Spur dieses römischen Bildes, das in der ganzen christlichen Welt bekannt war, verlor sich um 1600, gerade als sich die Geschichte des Heiligen Antlitzes von Manoppello entwickelte.
Neueste Untersuchungen legen nahe, dass die Reliquie 1527 beim Sacco di Roma, der Erstürmung Roms durch Karl V. geraubt wurde und aus Rom verschwand.
Die Überlieferung sagt, ein geheimnisvoller Pilger sei an einem unbestimmten Tag des Jahres 1506 im Ort Manoppello angekommen und habe, nachdem er sich mit Arzt Giacomo Antonio Leonelli zur Kirche San Nicola di Bari begeben habe, diesem einen Schleier übergeben, auf dem die Gesichtszüge Christi zu sehen waren. Die Reliquie blieb im Besitz der Familie Leonelli und deren Erben bis zum Jahr 1618, als sie von Don Antonio de Fabritiis erworben wurde. Dieser schenkte sie 1638, zwanzig Jahre später dem Kapuzinerkloster. Nach einer sorgfältigen Restaurierung, ausgeführt durch den Ordensbruder Remigio da Rapino, dessen liebevolle Geduldsarbeit die Chroniken loben, wurde der Heilige Schleier in einem wertvollen Reliquienbehälter aufgewahrt.
Von da an zog die Reliquie das Interesse und die Frömmigkeit der umliegenden Bewohner derart auf sich, dass der Pilgerstrom beträchtliche Ausmaße annahm. Die Kapuziner hielten es daher für angebracht, dem Theologen Donato da Bomba den Auftrag zu erteilen, sorgfältige Forschungen über das Heilige Bild anzustellen, damit das große Geheimnis über dessen Herkunft ergründet werden könne. Die Forschungsergebnisse wurden in einem Bericht – Relazione Istorica – vorgelegt, der die wunderbaren Eigenschaften der Reliquie hervorhob. Dieser Bericht, der am 06. April 1646 in einer öffentlichen Sitzung vorgelesen, bestätigt und unterzeichnet wurde, ist heute in zwei Handschriften erhalten. Seit mehr als dreihundert Jahren ist das Abbild des Heiligen Antlitzes Ziel eines ununterbrochenen Pilgerstromes, der nicht nur aus den Abruzzen, sondern auch aus den Nachbargebieten kommt und am zweiten Sonntag im Mai und am 06. August, dem Fest der Verklärung Christi, stark zunimmt. An diesen beiden Tagen im Jahr wird das Antlitz in einer Prozession durch Manoppello getragen.
Das Heilige Antlitz (Volto Santo) ist ein dünner Schleier, der 17 cm breit und 24 cm lang ist. Auf diesem Schleier ist ein geheimnisvolles Bild eingeprägt, das nach vorgenannter Überlieferung die wahren Gesichtszüge Christi wiedergibt.
In den vergangenen zwanzig Jahren war die Reliquie Gegenstand von Untersuchungen durch Pater Heinrich Pfeiffer SJ, Professor an der päpstlichen Universität Gregoriana. Er hat sich intensiv mit diesem Bildnis befasst. Wie Zeitungen und das Fernsehen in aller Welt berichteten, stimmt nach seinen Vermutungen der Schleier von Manoppello genau mit dem Schweißtuch der Veronica, der uralten Reliquie mit dem Antlitz Christi überein. Diese Reliquie wurde im Zeitraum zwischen 1200 und 1600 im alten Petersdom zu Rom (Konstantinsbasilika) aufbewahrt. Ihre Spuren verloren sich im Jahr 1608, als Papst Paul V. die Kapelle, in der sich die Reliquie befand, abreißen ließ. Gesichert ist dann die Aufbewahrung ab dem Jahre 1638 im Kapuzinerkonvent in Manoppello, während der Erwerb im Dunkeln liegt. Es wird vermutet, dass der legendäre Erwerb um das Jahr 1506 lediglich zum Schutze der Eigentumsrechte fingiert wurde.
An der Universität Bari haben neueste wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, dass der Gesichtausdruck auf dem Schleier keineswegs ein Gemälde sei, da es keine Spur von Farbe und Lösungsmitteln hat und ebenso wenig ein Ergebnis von einem besonderen Gewebe oder einer besonderen Webart ist. Ebenso wie beim Leichentuch Christi, das in Turin aufbewahrt ist, kann niemand erklären, wie das Antlitz auf dem Tuch "eingeprägt" worden ist. Die deutsche Trappistin Schwester Blandina Paschalis Schlömer hat in langjährigen Studien bewiesen, dass sowohl das Turiner Grabtuch, als auch der Schleier von Manoppello einen gemeinsamen Ursprung haben und dass die beiden Antlitze in allen Proportionen und in den Spuren der Verletzungen deckungsgleich sind. Der Nachweis gelang durch die Übereinanderlegung (Sopraposition) von Ablichtungen beider Reliquien in Originalgröße auf Folien.
Der Journalist Paul Badde hat seit 2004 in unermüdlicher Arbeit das Wissen um die Reliquie verbreitet, zuletzt durch sein lesenswertes Buch: Das göttliche Gesicht, das bereits auch ins Polnische und Italienische übersetzt wurde.

Am 1. September 2006 hat Papst Benedict XVI. als erster Papst der Geschichte das Heilige Antlitz in Manoppello besucht und davor gebetet.

Der Weg des Volto Santo

Der Weg des Volto Santo von Jerusalem nach Manoppello durch die Jahrhunderte.

Der Weg der Veronika_1

Aus A. Resch, Das Antlitz Christi