Der Volto Santo und die Ikonographie des Christusbilder

In seinem Buch "Bild und Kult" (2004) schreibt H. Belting zum Mandylion von Genua und zu dem im Vatikan: "Für unser Argument fällt allein ins Gewicht, dass eine kleine Gruppe von Abgarbildern in Format und Aussehen als Duplicate eines und desselben Originals anzusehen sind …." (S. 235). Er kennt dieses Original nicht, aber er schließt es aus der Qualität der Bilder. Kann ein Vergleich der Christusbilder mit dem Volto Santo von Manoppello Licht in dieses Dunkel bringen?

Eine Antwort darauf können Sie selbst anhand nachfolgender Bildvergleiche finden.

1. Christusbilder vor Auffindung der Tuchbilder in Edessa (ca. 540)

Christus wurde in der Urkirche zunächst nicht bildlich dargestellt. Man gebrauchte für ihn Zeichen und Symbole (Bild Nr.1+2+3). Später wurde er als Hirte dargestellt (Bild Nr. 4+8) und noch später wurden biblische Ereignisse gemalt zur kathechetischen Veranschaulichung (Bild Nr. 5+6+7). Es gibt zu dieser Zeit aber auch Christusbilder, auf denen man Christus mit Bart sieht (Bild Nr. 9+10+11). Worauf geht dieser Wandel zurück? Orientierte man sich etwa an jenem "Urbild", von dem Bischof Irenäus (+202) schreibt, "…dass Christusbilder angefertigt werden und dass dies nach einem Modell geschehe, das noch z. Z. des Pilatus in Jerusalem hergestellt worden sei"?

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Bild Nr. 1
Christusmonogramm

Bild Nr. 2
Grabstein, Rom (325)

Bild Nr. 3
Sinbild Fisch (Kallixtusk., Rom 220)

Bild Nr. 4
Christus, guter Hirt (Kalixtusk.)

 

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Bild Nr. 5
Jesus u. Samariterin, Rom

Bild Nr. 6
Jesus und blutfl. Frau, Rom

Bild Nr. 7
lehrender Christus, Rom 4. Jh.

Bild Nr. 8
Jesus, guter Hirt, Ravenna 425

 

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Bild Nr. 9
Chr.mit Bart, Comodillak., Rom ca. 375

Bild Nr. 10
Chr.als Lehrer, Bas. S.Pudentiana 417

Bild Nr. 11
Apsismosaik,Cosmas u. D., Rom 530

 

2. Christusbilder nach Auffindung der Tuchbilder in Edessa (nach 540)

Die Christusbilder haben sich nach der Auffindung der beiden Tuchbilder in Edessa um 540 grundlegend geändert. Diese galten als "nicht von Menschenhand gemacht". Deshalb wurden sie als authentische Vorbilder für Christusgemälde genommen. In der nachfolgenden Bilderschau will ich diese mit dem Volto Santo (Bild Nr. 12+13) vergleichen. Von ihm wurden beide Seiten zum Vorbild herangezogen (Bild Nr. 17-22). Das Grabtuch sah man damals nur schwach als Positivabdruck (Bild Nr.14). Erst 1898 bekam man durch das Fotonegativ das Gesicht Christi deutlich zu sehen (Bild Nr.16). Im übrigen war es vierfach zusammengefaltet (tetradyplon, Bild Nr.15), so dass man nur das Gesicht sah. Dieses Tuchbild blieb bis 944 in Edessa. Ob es so als Vorbild für Christusbilder dienen konnte, bleibt fraglich. Das andere aber kam bereits 574 über Kamulia nach Konstantinopel, gelangte von dort auf geheimen Wegen 706 nach Rom und befindet sich heute als Volto Santo in Manoppello. Prüfen Sie selbst, ob dieses Schleierbild identisch ist mit jenem Urbild für Christusbilder.

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Bild Nr. 12
Volto Santo
Vorderseite

Bild Nr. 13
Volto Santo
Rückseite

Bild Nr. 14
Turiner
Grabtuch Negativbild

Bild Nr. 15
Turiner
Grabtuch–4x gefaltet

Bild Nr. 16
Turiner
Grabt.-Fotonegativ

 

Wie exakt man den Volto Santo beidseitig abmalte, zeigen folgende Soprapositionen:

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Bild Nr. 17
Fresko in Sancta Sanctorum, ca. 1290

Bild Nr. 18
Volto Santo, Altarseite

Bild Nr. 19
Sopraposition: Fresco und Volto

 

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Bild Nr. 20
Ikone in St. Lorenz, Nürnberg

Bild Nr. 21
Volto Santo von Manoppello

Bild Nr. 22
Sopraposition: Volto und Ikone

 

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Bild Nr. 23 S. Apollinaris in Cl., Ravenna (549)

Kaiser Justinian ließ diese Kirche mit den Mosaiken bereits im Jahre 549 einweihen (s. Jesus, 2000 Jahre, S. 27). Selbst auf diesem Mosaik sind die Gesichtszüge Jesu auf dem Volto Santo klar zu erkennen mit der Augenstellung, dem Haarbüschel usw. Es ist damit ein ikonographischer Beweis, dass der Volto Santo vor 549 in Edessa aufgefunden wurde.

 

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Bild Nr. 24 Christus-Pantokratorikone

Katharinenkloster, Sinai
Diese Ikone von Christus als Pantokrator aus dem 6. Jahrhundert (s. Jesus, S.2) ist augenscheinlich nach dem Vorbild des heutigen Volto Santo gemalt. Sie gehört zu den wertvollsten Schätzen des Katharinenklosters am Sinai.

 

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Bild Nr. 25 Achairopoietos-Ikone, Jaroslavi, ca. 1375

Dazu heißt es in "Ikonen" (S. 79):
"Nach legendärer Überlieferung, die bis ins 6. Jh. zurückgeht, soll sich Jesus abgetrocknet und auf diese wunderbare Weise … ein Bild seines Antlitzes im Handtuch hinterlassen haben."
Der Verfasser kennt offensichtlich nicht den Volto Santo und seine Beziehung zur Abgarlegende. Diese Ikone ist offenkundig nach dem Volto Santo gemalt.

 

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Bild Nr. 26 Achairopoietos-Ikone, Nowgorod, 2. Hälfte 12. Jh.

Diese Ikone zählt zu den sog. "Achairopoieta", nicht von Menschenhand gemachten Ikonen. D. h. diese wurden besonders genau nach dem Vorbild des in Edessa gefundenen Tuchbildes gemalt. Als Vorbild diente hier die Altaransicht des heutigen Volto Santo (vgl. Bild Nr. 31, näheres s. Ikonen, S. 124).

 

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Bild Nr. 27 Bild Nr. 27 Achairopoietos-Ikone um 1425, Herkunft?

Auch diese Ikone ist offensichtlich dem Volto Santo ähnlich und wurde damit nach jenem Urbild in Edessa gemalt.

 

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Bild Nr. 28 Achairopoietos-Ikone, Moskau, spätes 14. Jh.

"Diese aus dem Umkreis Andrei Rubleus’ stammende Ikone ist etwas aufgelockerter gemalt als die sog. Christi Linnen – Darstellungen früherer Jahrhunderte" (Ikonen, S. 125).
Die Sopraposition dieser Ikone mit dem Volto Santo zeigt ganz offensichtlich die Ähnlichkeit beider Bilder.

 

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Bild Nr. 29 Achairopoietos-Ikone Nowgoroder Schule, 15.Jh.

Dazu heißt es im Bildband "Jesus" S. 135: "Das frontale Antlitz Jesu steht in der Tradition von Ikonen, deren Typus sich von einer Reliquie herleitet, die um 950 von Edessa nach Konstantinopel überführt wurde: ein Tuch mit dem Gesichtsabdruck Jesu, das dem König Abgar von Edessa Heilung brache". Dem Verfasser ist der Volto Santo nicht bekannt.

 

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Bild Nr. 30 Achairepoietos-Ikone, Athos, 16. Jh.

Diese Mandylionikone wurde offenkundig nach dem Volto Santo gemalt, und zwar aus der Sicht auf der Treppenseite in Manoppello. Sie gilt als richtige Sicht, so wie die Menschen Jesus damals gesehen haben.

 

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Bild Nr. 31 Achairopoietos-Ikone, Moskau, Anfang 16. Jh.

Diese Ikone ist auch dem Volto Santo von Manoppello ähnlich, wie man ihn vom Altar aus sieht. Der Blick geht nach links, der stilisierte Haarbüschel nach rechts.

 

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Bild Nr. 32 Achairopoietos-Ikone, Nowgoroder Schule 15.Jh.

Dazu heißt es in dem Bildband "Ikonen" S. 126:
"Auf den tausenden von Mandylion-Bildern, die seit dem 6. Jh. immer wieder kopiert wurden, konnten die Maler nur geringfügige Änderungen vornehmen, da es sich ja um die Wiedergabe des wahren, nicht von Menschenhand geschaffenen Antlitzes Christi handelte."
Diese Ikone ist offensichtlich dem Volto Santo ähnlich, wie man ihn von der Treppe aus sieht.

 

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Bild Nr. 33 Achairopoietos-Ikone, russisch, 18. Jh.

"Christi Antlitz ist auf dem weichfallenden Leinentuch im ganz traditionellen Stil gemalt" (Ikonen S. 125).
Mit "traditionellem Stil" meint der Verfasser wohl nach dem Tuchbild von Edessa. Die Sopraposition macht dies auch deutlich.

 

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Bild Nr. 34 Achairopoietos-Fresko (Herkunft?)

Auch dieses Fresko ist nach dem Volto Santo gemalt, und zwar nach der Altarsicht in Manoppello.

 

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Bild Nr. 34 Achairopoietos-Ikone von Laon, frühes 13. Jh.

"Sie befindet sich heute im Schatz der Kathedrale von Laon und wird seit dem 13. Jh. als "Sainte Face" (heiliges Antlitz) verehrt. Es handelt sich um ein Südslawisches Werk, das sich am unteren Rand in der Inschrift als "Antlitz des Herrn auf dem Tuch" vorstellt" (H. Belting, S. 246; Internet "Mandylion Laon"). Dieses Madylion weist somit ausdrücklich auf das Urbild (das Tuchbild) hin, wie es der Volto Santo in Manoppello ist. Es wurde 1249 in Bari durch Jacques de Troyes, Archidiakon der Kathedrale von Laon und künftiger Papst Urban IV. gekauft (vgl. Internet: Image: Icone Sainte Face Laon).

 

Diese hier gezeigten Acheiropoietos-Ikonen sind laut ihrer Tradition nach strengen Vorschriften gemäß dem Vorbild des "nicht von Menschenhand gemachten" Schleierbildes von Edessa gemalt worden. Da die Verfasser der unten angeführten Bildbände dieses Urbild nicht kennen, halten sie es für legendär (s. Ikonen S. 79). Der Vergleich durch die Soprapositionen mit dem Volto Santo von Manoppello macht aber meines Erachtens unmissverständlich anschaulich, dass dieser das Urbild für die Christusikonen ist. Damit ist jenes (unbekannte) Urbild nicht mehr legendär, sondern existiert noch. Jeder kann es am Hochaltar in der Klosterkirche von Manoppello von der Nähe betrachten. Diese Achairopoietos-Ikonen sind damit aber auch ein ikonographischer Beweis dafür, dass der Volto Santo jenes um 540 in Edessa aufgefundene "nicht von Menschenhand gemachte" Christusbild ist.
Aber nicht nur diese, Mandylion genannten, Ikonen wurden nach dem Volto Santo geamalt, sondern auch unzählige andere Christusbilder in den verschiedenen Jahrhunderten. Dies sei nachfolgend nur an einigen markanten Beispielen aufgezeigt:

 

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Bild Nr. 35
Christus Pantokrator, 1600

Bild Nr. 36
Christus, Erlöser, 1350

Bild Nr. 37
Christus Erlöser, 1393

Bild Nr. 38
Christus Pantokrator, 1263

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Bild Nr. 39
Christus, Ravenna 549

Bild Nr. 40
Christus P., Hagia Sophia 1042

Bild Nr. 41
Mosaik H. Sophia 1260

Bild Nr. 42
Christus P., Cefalu, 1148

 

Zusammenfassung:

In dem 2007 neu herausgegebenen Bildband "Ikonen" wird die Entstehung des "Urbildes" für die "Achairopoietos-Ikonen" noch auf die bekannte Abgarlegende zurückgeführt. Danach habe Jesus sein nasses Gesicht mit einem Handtuch abgetrocknet und darauf sein Gesicht abgebildet, wie es erstmals die Thaddäusakten (ca. 630) berichten. Es wird nicht gesehen, was an dieser sog. Abgarlegende als legendär erfunden und was als historisch wahr anzusehen ist (vgl. Ikonen, S. 124ff). So erscheint es auch nicht einleuchtend, warum es in der Orthodoxie strenge Regeln für das Malen einer Ikone nach diesem Urbild gab und gibt. Dies ist nur verständlich, wenn man jenes wunderbare Urbild als wirkliches (nicht legendär erfundenes) authentisches Bild Jesu und damit für alle Zeiten maßgeblich ansah. Vom Volto Santo her löst sich dieses Rätsel.
Wer die obigen Bilder aufmerksam betrachtet, der sieht auf den 1. Blick im Volto Santo das "Urbild der Christusbilder". Er ist identisch ist mit jenem Tuchbild ("Antlitz des Herrn auf dem Tuch", s. Text auf dem Mandylion von Laon), das seit seiner Auffindung um 540 in Edessa als Vorbild für Christubilder gedient hat. Das Gesicht ist nicht auf einem Handtuch abgebildet, wie es in der Abgarlegende heißt, sondern auf einem Muschelseidentuch, mit dem man nichts abtrocknen kann und das man auch nicht bemalen kann. Dieses Schleierbild ist wirklich "nicht von Menschenhand gemacht", wie wissenschaftliche Untersuchungen im Jahre 2007 erwiesen haben. Demnach muss manches in der Christusikonographie korrigiert und neu gesehen werden.

Literatur:

Konrad Onasch u. Annemarie Schnieper, Ikonen, Basser Tann 2007, ISBN 978-3-8094-2226-6

Kurt Weizmann, Die Ikonen, Herder 1982, Sonderausgabe 1998, ISBN 3-451-26542-7

Jesus: 2000 Jahre Glaubens- und Kulturgeschichte, Herder 1999, ISBN 3-451-26981-3

Fabricia Mancinelli, Römische Katakomben, Calenzano (Firenze) 1999

Hans Belting, Bild und Kult 2004 (s. Internet)

Verfasser: Pfarrer Josef Läufer

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