Das Turiner Grabtuch

Eine umstrittene Restaurierung

Das heilige Grabtuch von Turin hat im Sommer 2002 eine bedeutende Restaurierung erfahren. Die Bernerin Mechtild Flury-Lemberg, internationale Expertin für alte Tuche, hat an dieser delikaten Operation, die von einigen angefochten wurde, aktiv teilgenommen. Aber die Kritiker sind widerlegt worden.

Die Operation der Restaurierung hat zwischen den 20. Juni und dem 23. Juli 2002 stattgefunden. An Widerspruch hat es nicht gefehlt. Die pessimistische italienische Presse hatte berichtet, daß Mechtild Flury-Lemberg, Konservatorin am historischen Museum in Bern, heimlich 30 Stücke, die auf dem Grabtuch aufgenäht waren, entfernt habe. Sie hätte dieselbe Operation an dem stützenden Tuch vorgenommen, das nach dem Brand von 1532 auf das Grabtuch genäht worden war. (Das Grabtuch war beim Brand der Kapelle der Herzöge von Savoien in Chambéry beschädigt worden.) Die Spezialistin in Textilkonservierung hätte so ernsthaft zukünftige Forschungen am Stoff kompromittiert.

In der Absicht, diese Befürchtungen zu zerstreuen, hatte der Kardinal von Turin, Severino Poletto, offizieller Hüter des Grabtuches, im September eine Pressekonferenz einberufen. Er hat das Grabtuch in seinem neuen Schrein vorgestellt und die Wahrheit über die Restaurierung wiederhergestellt.

Der Brand von 1532

Die pessimistischen Behauptungen haben sich als unbegründet erwiesen. Das "entblößte" Grabtuch sei nicht verändert worden. Im Gegenteil, die Entfernung der aufgenähten Stücke zieht sogar noch mehr Aufmerksamkeit auf den Körper des Gekreuzigten, der auf dem Tuch abgebildet ist. Und vorher nicht wahrnehmbare Teile, wie die Blutflecken aus der Seitenwunde, sind jetzt sichtbar. Die Restauratorinnen haben mit Sorgfalt und Professionalität gearbeitet.

Nach einer Reihe von "Umzügen" in den letzten 10 Jahren ist das Grabtuch in einer Seitenkapelle, nahe dem Hauptaltar der Kathedrale von Turin, untergebracht worden. Das Grabtuch befindet sich im Innern eines Behälters, der von einem Schutzglas bedeckt wird.

Die Perforationen des Tuches aus dem Brand von 1532, die jetzt sichtbar sind, sind ein wenig störender als die aufgenähten Stücke, die sie vorher verdeckt hatten. Die beiden Konservatorinnen, die Schweizerin Flury-Lemberg und die Italienerin Irene Tomedi, waren erstaunt, je weiter sie in ihren Arbeiten fortschritten, über die Zahl der Karbonpartikel, die sich unter diesen aufgenähten Stücken angesammelt hatten. Die Säure dieser Partikel und ihre Anhäufung hinter jedem Stück bedeuteten eine ständige Gefahr für das Grabtuch.

Ein holländisches Tuch

Die misstrauische Presse hatte vernehmen lassen, daß diese Überreste zerstört oder ungeordnet gesammelt worden seien. Weit gefehlt: die unter jedem aufgenähten Stück verborgenen Materialien sind sorgfältig gesammelt, registriert, dann in kleinen Dosen mit Angabe ihrer Herkunft abgelegt worden. Die Erforschung des Inhalts dieser Dosen ist Teil der Vorschläge zu späteren Forschungen, die Kardinal Poletto gemacht hat.

Eine andere Kritik an Frau Flury-Lemberg: sie habe das untergelegte Tuch, das im 16. Jahrhundert von den Klarissen zu Chambéry aufgenäht worden ist, durch ein neues Tuch ersetzt. Nun ist diese damalige Operation nur vorgenommen worden, um neue Ausstellungen des Grabtuches zu erleichtern, die traditionell in vertikaler Position gezeigt werden. Das Ersatztuch, das – Ironie der Geschichte – aus Holland kam, genau wie das von 1532, war nicht neu. Es war vor einigen Jahrzehnten vom eigenen Vater der Frau Flury-Lemberg für den häuslichen Gebrauch gekauft worden, ohne daß es jemals benutzt worden wäre.

Außerdem: diese neue Unterlage hatte keine Behandlung mit Farbmitteln, Stärke, Bleichmitteln und anderen möglichen "Verunreinigungen" erfahren. Und ihre natürliche Farbe harmonisiert mit der des Grabtuches. Im Übrigen ist der für die Naht benutzte Faden speziell ausgesucht worden: es handelt sich um eine sehr feine Seide, auf leichte Weise genäht, zusammenziehbar, die bricht, wenn ein exzessiver Druck ausgeübt wird.

Haarspuren

Die Änderung des Tuches hat es zum ersten Mal möglich gemacht, einen vollständigen Blick auf den Rücken des Grabtuches zu werfen. Es war nicht die geringste der Entdeckungen festzustellen, daß das Körperbild zum großen Teil den Stoff nicht durchdringt, mit der bemerkenswerten Ausnahme der Haarspur, besonders auf den beiden Seiten des Antlitzes. Diese Tatsache läßt sich erklären durch den direkten Kontakt zwischen dem Stoff und den Haarölen, mit dem man die Haare behandelt hatte und die – genau wie beim Blut – den Stoff durchdrungen haben. Die Blutflecken, die auf den beiden Seiten des Grabtuches deutlich markiert sind, waren theoretisch in direktem Kontakt mit dem gekreuzigten Leichnam.

Gleichfalls umstritten ist die Behauptung, den Stoff faltenlos gelassen zu haben – was dann hinderte zu verstehen, wie man ihn in den vergangenen Jahrhunderten faltete, Diese Behauptung scheint ebenfalls unbegründet zu sein. Das Licht, das auf das Grabtuch gerichtet wurde, hat ganz klar die Falten und andere Unregelmäßigkeiten an der Oberfläche des Grabtuches gezeigt. Und dadurch, daß man die aufgenähten Stücke entfernt hat, ist die Kontinuität gewisser älterer Falten zum ersten Male sichtbar geworden. Die neuen Falten, die auf die aufgenähten Stücke zurückgehen, sind also verschwunden.

Petition an den Papst

Ferner sollte die Arbeit der Restauratorinnen in Eile und ohne Konsultationen vorgenommen worden sein. Nun ist aber 1992 eine Spezialkommission für die Konservierung des Grabtuches gegründet worden, also zur Zeit des Vorgängers von Kardinal Poletto, des Kardinals Saldarini. Dazu ist am 10. November 2000 eine Bitte, die aufgenähten Stücke und das untergelegte Tuch entfernen zu dürfen, an Johannes Paul II. gerichtet worden, den formellen Eigentümer des Grabtuches. Der Staatssekretär des Vatikans, Kardinal Sodano, hat diese Erlaubnis eindeutig am 3.November 2001 gegeben.

Was das – sehr umstrittene – Geheimnis angeht, das die Restaurierung umgeben hat: Es hängt zusammen mit den Sicherheitsmaßnahmen, die nach dem 11.September 2001 getroffen worden sind. Der geeignetste Ort für die Arbeit der beiden Restauratorinnen war eine Sakristei, die an die Kathedrale grenzt und nach dem Brande errichtet worden ist, der das Gebäude 1977 beschädigt hat.

Leider sind die heftigsten Kritiker gegen die Restaurierung, der Archäologe Bill Meacham und die römische Rednerin Emanuela Marinelli, nicht überzeugt worden – trotz ihres Besuches in Turin. Sie lassen eine Petition unterschreiben, die bitten soll, eine Kommission über das Grabtuch zu bilden. Sie hoffen auf diese Weise, der Diözese Turin die Entscheidungsmacht über das Grabtuch nehmen zu können, die dann unter die erweiterte Kontrolle Roms käme.

Dieses Manöver wäre aber im Blick auf die Diözese, die über den Stoff wacht, böswillig. Der Kardinal von Turin ist persönlich und tief an dem heiligen Grabtuch interessiert. Einmal restauriert, scheint es heute bereit, sich einem neuen Jahrtausend zu stellen.

Jan Wilson, Catholic Herald

Anpassung B. L.

Aus dem Französischen (Echo 22. 5. 2003)
übersetzt von Johannes Stöber

 

Die Beweise für die Echtheit sind eindeutig

Kann Leonardo da Vinci das Turiner Grabtuch hergestellt haben?

Eine Fernsehsendung unterschlägt Forschungsergebnisse

Von Wolfgang Waldstein

In der Fernsehsendung "Prisma – Das Geheimnis des Turiner Grabtuchs", die der Norddeutsche Rundfunk am 30, März 2004 um 22,15 Uhr in der deutschen Fassung von Robert Böttger zeigte, wird behauptet, dass es sich bei dem Turiner Grabtuch um eine Fälschung handelt, die Leonardo da Vinci hergestellt hätte. Er habe dazu den Auftrag vom Herzog von Savoyen erhalten und / oder vom damaligen Papst Leo X. Der Eindruck, den diese mit großem technischem Aufwand hergestellte Darstellung erzeugen will, ist, dass sie auf wissenschaftlich gesicherten Fakten beruhe und die Wahrheit zeige, während die Kirche durch Jahrhunderte die Menschen mit einer Fälschung getäuscht habe. Dies zeige: "Man sollte Glaube und Wahrheit auseinander halten, sie passen nicht zusammen." Es wird unter anderem auch Kardinal Ballestrero von Turin vorgeführt, der 1988 nach dem C-14-Test zugestanden hat, dass nach dessen Ergebnis das Grabtuch aus dem Mittelalter stamme und daher nicht echt sein könne. Es wird jedoch verschwiegen, dass derselbe Kardinal unter dem Eindruck der wissenschaftlich zweifelsfrei festgestellten Tatsachen, die diesem Ergebnis klar widersprechen, 1997 seine damalige Aussage widerrufen hat.

Ähnlich wird mit Aussagen aus einem anderen Film verfahren, der für die Echtheit eintritt. Passende Teilaussagen werden zitiert, entscheidende Gegenargumente verschwiegen. Damit stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis die aufgestellten Behauptungen zu den über 100 Jahren erkannten Tatsachen stehen.

Groteske Unwahrheiten

Unzählige Forscher, die meist von der Voraussetzung ausgingen, die Tatsache der Fälschung leicht beweisen zu können, mussten immer mehr dazu beitragen, klarzustellen, dass eine Fälschung unmöglich ist. Trotz der Tatsache der ununterbrochenen Forschung am Grabtuch besonders seit 1898 wagt man zu behaupten, die Kirche habe sich "jeder wissenschaftlichen Untersuchung des Tuches" verschlossen. Schon dies ist eine groteske Unwahrheit.

Aber nun zu den Tatsachen selbst. Wenn Leonardo da Vinci das Grabtuch hergestellt haben soll, muss erklärt werden, wie dies mit folgenden Tatsachen in Einklang zu bringen ist. Seit 1979 weiß man, was vorher niemand wusste, dass auf den Augen des Grabtuchbildes Münzen abgebildet sind, die eindeutig Prägungen aus den Jahren 29 und 31 nach Christus sind, also aus der Regierungszeit des Kaisers Tiberius stammen. Leonardo da Vinci konnte das nicht wissen. Seit 1973 weiß man, was ebenfalls vorher niemand wissen konnte, dass sich Pollen von 44 Pflanzensorten auf dem Grabtuch befinden, die nur im Nahen Osten vorkommen, 28 davon nur in oder um Jerusalem. Diese sind nur mit stärkster mikroskopischer Vergrößerung erkennbar und identifizierbar. Seit das Grabtuch in Frankreich aufgetaucht ist, war es nachweislich niemals im Nahen Osten oder gar in Jerusalem gewesen. Oswald Scheuermann hat als erster 1983 entdeckt, dass es auf dem Grabtuch auch Abbildungen von Blüten gibt. Inzwischen sind besonders durch den Spezialisten für Wüstenflora an der Universität Jerusalem, Avinoam Danin, insgesamt 28 verschiedene Pflanzenabbildungen auf dem Grabtuch identifiziert worden, bei denen sich auch vielfach die wirklichen Pollen dieser Pflanzen finden. Die Ergebnisse dieser Forschung sind 1999 unter dem Titel "The Flora of the Shroud of Turin" publiziert worden. Selbst wenn Leonardo da Vinci, wie suggeriert wird, ein mittelalterliches Tuch verwendet hätte, das aus dem Nahen Osten stammte, hätte er bei der angenommenen Photographie mit der Camera obscura die duftenden Pflanzen (aromata), die nach jüdischem Brauch um den Leichnam gelegt wurden (Joh 19,40), nicht in das Bild bekommen können.

Nicht von Menschenhand

Auf dem Grabtuch von Turin gibt es auch wirkliches Blut. Nach Meinung des Films wäre es für Leonardo da Vinci kein Problem gewesen, solches zu beschaffen. Die inzwischen festgestellte Blutgruppe des Blutes auf dem Grabtuch ist jedoch AB. Konnte Leonardo da Vinci das wissen und konnte er dementsprechend sich Blut von dieser sehr seltenen Blutgruppe verschaffen? Was er aber sicher nicht wissen konnte, ist die Tatsache, dass bei dem Blut des Eucharistischen Wunders von Lanciano, das im achten Jahrhundert stattfand, 1971 ebenfalls die Blutgruppe AB festgestellt wurde. Der Film geht davon aus, dass jenes Tuch, das 1355 in Lirey in Frankreich erstmals ausgestellt wurde, eine plumpe Fälschung gewesen sei. Es werden auch Bilder solcher Grabtuchdarstellungen gezeigt. Das Haus Savoyen, das seit 1457 Eigentümer des Grabtuchs gewesen ist, hätte daher das Bedürfnis gehabt, eine bessere Fälschung zu bekommen. Niemand anderer als Leonardo da Vinci wäre in der Lage gewesen, eine solche anzufertigen. Daraus wird ganz einfach geschlossen, dass er das auch getan hat.

Gemalte Abbildungen des Grabtuchs hat es in verschiedener Form schon seit der Antike gegeben. Sie treten nicht als Fälschungen auf, sondern offen als Abbilder eines nicht von Menschenhand gemachten Christusbildes. Diese Abbilder setzen die Kenntnis des wirklichen Grabtuchbildes voraus. Das früheste öffentlich bekannte Abbild des Grabtuchbildes vom Haupt im Apsismosaik der Lateran Basilika stammt aus dem 4. Jahrhundert. Ein gemaltes Abbild der ganzen Vorderseite des Grabtuchbildes mit der in der Antike üblichen Abdeckung stammt spätestens aus dem 5. oder 6. Jahrhundert. Es ist ausdrücklich bezeugt, dass es sich um ein Abbild eines nicht von Menschenhand gemachten Christusbildes handelt. Bei der Wiederentdeckung des Grabtuches 525 in Edessa wurde es als das nicht von Menschenhand gemachte Christusbild bezeichnet. Die von da an beginnende Darstellung Christi im ganzen römischen Reich und darüber hinaus setzt die Kenntnis des wirklichen Grabtuchbildes voraus. Ian Wilson konnte in einer genauen Analyse der Chronologie des in Lirey ausgestellten Tuches zeigen, dass es mit dem jetzt in Turin befindlichen identisch ist. Die erste Ausstellung in Lirey fand fast genau 100 Jahre vor der Geburt Leonardo da Vincis statt.

Die wenigen hier angeführten wissenschaftlich bewiesenen Tatsachen, die im Film einfach ignoriert werden, machen es unmöglich, dass Leonardo da Vinci das Grabtuch hergestellt haben kann. Für die Behauptung, dass er es dennoch getan habe, kann der Film auch keine wissenschaftlichen Beweise vorführen. Phantastische Kombinationen werden erst als Hypothesen gebildet und dann mit unbewiesenen Scheinargumenten als Tatsachen hingestellt

Wenn etwas mit der Wahrheit nicht zusammenpasst, dann ist es dieser Film. Dass ein solches Machwerk im deutschen Fernsehen gesendet werden kann, zeigt entweder mangelnde Information der Verantwortlichen, was eher anzunehmen wäre, oder eine bewusste Mitwirkung bei der Verbreitung von erwünschten Unwahrheiten. Beides schadet dem Ansehen des deutschen Fernsehens gleichermaßen. In jedem Fall ist die Sendung aber auch geeignet, bei Gläubigen "berechtigtes Ärgernis zu erregen."

aus: Die Tagespost, 25. März 2004

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