Wo ist das Antlitz Christi, das man betrachten soll?

Padre Germano Di Pietro, Santuario del Volto Santo di Manoppello

Im 2. Kapitel des Apostolischen Schreibens "Novo Millenio Ineunte" spricht der Heilige Vater von einem Antlitz, das es zu betrachten gilt.

Er geht von dem Wort im Johannes-Evangelium aus (Joh 12,21):" Wir möchten gerne Jesus sehen", mit dem sich einige Griechen an Philippus gewandt haben.

Der Heilige Vater lässt die verschiedenen Augenblicke des Lebens Jesu, wie die Evangelien sie uns vorstellen, an uns vorüberziehen, um das Antlitz des Herrn aufleuchten zu lassen: Von der Geburt bis hin zu Tod und Auferstehung.

Wenn man aber die Evangelien gründlich durchforscht, findet man keinen einzigen Hinweis auf das physische Aussehen Jesu. Es scheint unmöglich, dass sich die Evangelisten jedes kleinste Detail, das darauf hätte einen Hinweis geben können, haben entgehen lassen. Sie sprechen auf der anderen Seite sehr oft von Gefühlen, von psychologischen Reaktionen Christi. Er empört sich über seine Widersacher: "Wehe euch..." (Mt 23); Er empfindet Mitleid mit der leidenden Menschheit: "Von Mitleid bewegt streckte Er seine Hand aus, berührte ihn und sagte: Sei geheilt! (Mk 1,41); "Als der Herr sie sah, wurde Er von Mitleid mit ihr erfüllt und sprach: "Weine nicht" (Lk 7,13); Seine innere Erregung kennt auch die Tränen: "Und Jesus weinte" (Joh 11,35); Er freut sich: "Jesus jubelte im Heiligen Geist und sprach: "Ich preise dich, Vater" (Lk 10,21); Er ist zornig: "Er fing an, die Händler und Käufer aus dem Tempel herauszutreiben, stieß die Tische der Geldwechsler und die Stühle der Taubenverkäufer um" (Mk 11,15); Er ist erregt: "Jesus wurde tief erschüttert und bekannte: "Amen, Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten!" (Joh 13,21); "meine Seele ist betrübt bis zum Tod" (Mk 14,34).Alle diese Aussagen stehen in starkem Kontrast zur völligen Dunkelheit in Bezug auf sein physisches Aussehen.

Später hat dann auch der hl.Augustinus in seiner Schrift "De Trinitate" (VIII,7) erklärt, dass wir nichts mehr über das menschlliche Aussehen Jesu wissen; die abendländische Theologie stützt sich ausschließlich auf die Heilige Schrift.

Gibt es aber ein Christusantlitz, das für alle anderen Prototyp (= Urbild) war? Das II. Konzil von Nizäa (VII. Sitzung, 13. Oktober 787) erklärt: "Je häufiger diese Bilder betrachtet werden, um so mehr werden die, die sie betrachten, an die Originale (ton prototypon) erinnert, und es wird in ihnen der Wunsch geweckt, sie durch einen Kuss anzuerkennen und zu verehren" (DS 601). Daraus ergibt sich die Bedeutung, die den Ikonen in der Ostkirche zukommt. Es gab also in der Kirche ein Wissen um Urbilder. Worum handelt es sich dabei?

Das Urbild ist das Modell, an dem man sich bei der Darstellung des Antlitzes Christi orientiert. Aber wer kann uns das Urbild Christi geben? Ein Künstler würde uns sehr viel von sich selbst hineinlegen und würde uns Sein Urbild geben, in dem sich Seine Menschheit und Gottheit in einer Einheit ausdrücken, und alle Legenden sprechen von einem Schleier, den Jesus selbst geprägt hat.

Bis heute wurde nur von der Sindone (Grabtuch von Turin) gesprochen. Aber der Papst fügt in seinem Schreiben hinzu: "Wie am Karfreitag und am Karsamstag so verharrt die Kirche in der Kontemplation dieses blutüberströmten Antlitzes, in dem das Leben Gottes verborgen und das Heil der Welt angeboten ist. Aber ihre Kontemplation des Antlitzes Christi kann nicht beim Bild des Gekreuzigten stehen bleiben. Er ist der Auferstandene! Wenn es nicht so wäre, wäre unsere Predigt umsonst und umsonst auch unser Glaube (siehe 1 Kor 15,14) (No 28).

Wenn die Sindone Christus im Tod darstellt, dann muss es auch ein Bild des Auferstandenen geben. Das ist der Volto Santo (Heiliges Antlitz) von Manoppello, der mit der Sindone vollständig deckungsgleich ist.

Unser Glaube muss sich nicht allein auf das Zeugnis der Apostel gründen, sondern auch auf diese Tücher: "Er sah und glaubte" (Joh 20,8).

In den Evangelien wird nicht vom äußeren Aussehen Jesu gesprochen, weil die beiden Bildreliquien, die Christus im Augenblick Seiner Auferstehung hinterlassen hat, zu diesem Zweck bestimmt sind. Es ist eindrucksvoll, in der Sindone die Gestalt Christi in ihrer Gesamtheit zu sehen, um sagen zu können, dass Jesus unsere Menschheit in ihrer Ganzheit angenommen hat, den Tod eingeschlossen. Genauso eindrucksvoll ist aber auch die Ausdruckskraft im Schleier von Manoppello, in dem sich Menschheit und Gottheit im Augenblick der Auferstehung vermählen, in einer Eindringlichkeit, wie es menschlicher Kunst zu malen unmöglich ist.

Nachwort der Übersetzerin

Als wir beide, Frau Dorothea Link und ich, im September diesen schönen Artikel von P. Germano übersetzt hatten, wollten wir ihm als kleine Dankesgabe eine von Frau Link erstellte Kopie des Grabtuches in Originalgröße übergeben. P. Germano meinte aber, hier in Manoppello dürfte es nur eines geben: den Volto Santo. Ich versuchte, ihn auf eine Stelle seines Artikels hinzuweisen, in der er selbst von der Eindruckskraft der Sindone spricht, und er meinte nur lachend, er kenne seinen Artikel schon! Das würde aber nicht bedeuten, dass eine originalgroße Abbildung des Grabtuches auch hier für die Pilger anwesend sein müsste. Er ging aber dann doch mit in die Ausstellung, um sich die große Kopie der Sindone anzuschauen, und sagte darauf nur ganz kurz: Ich lasse heute noch einen Rahmen anfertigen! So wird also bald auch ein Negativbild des Grabtuches in Originalgröße hier am Ort zu betrachten sein, und ich denke, zum wirklichen Verständnis und zur rechten Einschätzung der Bedeutung des Schleiertuches ist auch der Anblick des toten Christus notwendig. Die bleibende Ausstellung am Ort "Penuel – Il Volto del Signore" will ja gerade die Beziehung von Grabtuch und Schleier deutlich machen.

Sr. Blandina Paschalis Schlömer

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