Die nackte Wahrheit

Eine neue Studie aus Liverpool und das Geheimnis um das Turiner Grabtuch.

Dass die „Santa Sindone“ eine Fälschung ist, hat sich unter Atheisten herumgesprochen. Auch unter den Agnostikern außerhalb und innerhalb der Christenheit. Was könnte das lange Laken mit dem schattenhaften Bild eines schwer verletzten toten Mannes auch anderes sein als das raffinierte Täuschungsobjekt einer jahrtausendealten Betrugs- und Verschwörungsgeschichte der katholischen Kirche? Verdächtig ist nur, dass die Fälschungstheorie in immer neuen Ansätzen daherkommt. 1988 sollten spektakuläre Radiokarbon-Analysen ergeben haben, dass das Leinengewebe der „Santa Sindone“ aus dem 13. oder 14. Jahrhundert stammt. Die Gewebeproben waren allerdings kontaminiert und völlig untauglich für diese Analysen.


Eine kürzlich erschienene Studie der Universität Liverpool will herausgefunden haben: Mindestens die Hälfte der Blutflecken auf dem Turiner Grabtuch ist „falsch“. Unser Autor bezweifelt das. Foto: dpa

Das ließ Luigi Garlaschelli, einem Chemiker aus Pavia (und autodikaktischen Spezialisten für Poltergeister, Astrologie und ähnliche Phänomene), offensichtlich keine Ruhe, sich mit immer neuen „Untersuchungen“ an dem Grabtuch Christi abzuarbeiten. Schon 2009 war es ihm – vor dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in Turin! – gelungen, die Tageszeitung „La Repubblica“ mit absurden Farbexperimenten zu der Schlagzeile zu bewegen „Eine Fälschung aus dem Mittelalter. Hier ist der Beweis“. Die Beweiskraft hat allerdings rasch und stark nachgelassen. Die Sache ist wieder eingeschlafen, im Gegensatz zu Dottore Garlaschelli, der jetzt mit Matteo Borrini aus Liverpool – die beide das Grabtuch nie gesehen haben – ein Papier vorstellte, das von „Untersuchungen“ berichtet, durch die sie mit Hilfe einer Schaufensterpuppe „nachgewiesen“ haben wollen, dass der Blutfluss auf dem Turiner Grabtuch nicht den Gesetzen der Schwerkraft folge.

Kleine Probe der Seriosität ihrer „Versuchsreihen“ gefällig? Bitte sehr: Um die Wunde der Lanze in der Seite Christi analog zu reproduzieren, applizierten sie einen mit Kunstblut vollgesogenen Schwamm in ein schmales Holzbrett in den Ausmaßen der Seitenwunde, das sie anstelle der Lanze des Longinus in die Brust der Puppe bohrten. An der Verteilung des Kunstbluts auf der Puppe wollen sie dann beobachtet haben, wie sich das Blut auf dem Leib Christ – im Gegensatz zu den realen Blutspuren (der Blutgruppe AB+) – auf dem Grabtuch hätte verteilen müssen.

Es gibt ein unerklärliches Geheimnis um die Idiotie solcher Argumente, und wie es gelingt, mit solchen Kindereien etwa Redakteure von Spiegel-online danach zu Behauptungen zu bewegen, dass das Tuch „wahrscheinlich nichts mit Jesus zu tun“ hat – oder dass, wie es aus dem Pressehaus der deutschen Bischofskonferenz heißt , die Untersuchung bestätige, was „die Mehrheit der Wissenschaftler“ schon lange vertrete: „Das Tuch ist eine Fälschung.“

Hier ist mehr als Ahnungslosigkeit im Spiel. Von Experten, die die belastbaren Ergebnisse „der Mehrheit der Wissenschaftler“ tatsächlich kennen, sollen hier nur zwei genannt werden. Der eine ist Professor Karlheinz Dietz aus Würzburg, der gern den Mathematikprofessor Bruno Barberis zitiert, der eine geradezu astronomische Wahrscheinlichkeit für die Identität des hier Abgebildeten mit Jesus ausgerechnet hat. Von einer hundertprozentigen statistischen Sicherheit dürften Wissenschaftler deshalb nicht reden (weil ein Zwanzigmilliardstel dagegenspreche), weshalb es das Turiner Domkapitel bislang nicht wagt, von Jesus von Nazareth als dem hier abgebildeten Toten zu reden, sondern immer nur vom „Grabtuchmann“.

Da ist Markus van den Hövel weniger zurückhaltend und gelassen selbstbewusster, der hier als zweiter Experte erwähnt werden muss. Der nüchterne Mann beschäftigt sich als Vorsitzender Richter am Landgericht in Bochum nicht selten mit spektakulären Wirtschaftsprozessen, ist aber auch mit der Akten- und Faktenlage der „Causa der Grabtücher“ bestens vertraut. Als Fachmann hält er seit langem wohl begründet fest, dass die Sache des Turiner Grabtuchs jeden Indizienprozess leicht gewinnen würde mit der Behauptung, dass es identisch ist mit jenem Leintuch, in dem Jesus von Nazareth nach seiner Kreuzigung in Jerusalem bestattet wurde. Denn vor Gericht gehe es normalerweise so zu: Da stelle eine Seite ein Modell des Falles vor, die andere Seite ein Gegenmodell. „Danach ist das Verfahren schon beinahe zu mathematisieren. Denn dann geht es vor allem um die Frage, ob die Seite des Beklagten gegen die „schlüssige“ Causa des Klägers ein „erhebliches, in sich stimmiges“ Gegenmodell hat. Nur dann muss Beweis erhoben werden über die Frage, welcher Vortrag zutrifft – oder ob sie nur einzelne Punkte herauspickt, um eine andere Auffassung zu präsentieren, jedoch unsubstantiiert, ohne Widerlegung der Schlüssigkeit.“

Mit anderen Worten: Selbst wenn es bei dem Radiokarbontest von 1978 mit rechten Dingen zugegangen wäre, hätte die Behauptung einer Entstehung der Sindone im 13. Jahrhundert allein keineswegs als stimmiges Gegenmodell gegen die schlüssige Causa des Grabtuchs insgesamt antreten können – und das gilt noch mehr für die Kaspereien und Kunstblutspritzer der Signori Garlaschelli und Borrini mit ihrer Schaufensterpuppe, die zunächst auch einmal erklären müssten, warum sich das rätselhafte Schattenbild des Gekreuzigten auf dem Grabtuch unter dem Blut nicht abgebildet hat.

Keine einzelne angebliche Entdeckung ist also je in der Lage, das Gesamtbild verifizierbarer Fakten zu verändern, die dem Grabtuch anhaften wie ein eigener Fingerabdruck. Kein Gegenargument kann deshalb auch das Faktum aus der Welt schaffen, dass das Grabtuch forensische Details einer doppelten Auspeitschung und Dornenkrönung mit anschließender Kreuzigung festhält, die kein Mensch im Mittelalter mehr wissen konnte, seit Kaiser Konstantin im Jahr 320 diese alte persische Hinrichtungsmethode für das römische Weltreich verboten hat. Es gab keine Kreuzigungen mehr im Mittelalter. Kein Bild, kein Schriftstück auf der ganzen Erde spiegelt deshalb präziser, wie Jesus in Wirklichkeit in der Antike zu Tode kam.

So können auch alle Forscher der Welt bislang das Rätsel nicht lösen, dass erste Fotos aus dem Jahr 1898 das Grabtuch dafür berühmt werden ließen, dass wir in ihm eine Art fotografischen Negativs vor uns haben, viele Jahrhunderte vor der Erfindung der Daguerreotypie. Dennoch ist die lange Leinwand natürlich kein Foto und auch nicht der Film einer kosmischen Kamera. Albrecht Dürer hat schon 1516 bewiesen, dass auf dem Tuch kein Gemälde ruht, als er mit seinem Versuch kläglich scheiterte, mit dem Pinsel ein Abbild davon herzustellen. Was wir außer den Blut- und Wasserflecken sehen, hat keine Konturen, keine Zeichnung, keine Farbpigmente, rein gar nichts davon. Es ruht nur in den oberen Teilen der Faser. Keiner kann sagen, was es genau ist und wie dieses „Bild“ auf den Stoff geraten ist. Es ist ein Geheimnis, ein Lichtbild ohne alle Farben, das hier überlebt hat, gegen alle Wahrscheinlichkeit und ohne jeden Widerspruch zu allen Aussagen der Evangelien über die Passion Christi. Das berühmte Gesicht auf dem Tuch ist majestätisch, aber nicht schmeichelnd. Keiner weiß, wie es entstanden und in das Tuch gekommen ist. Sehen lässt sich im Negativ des Originals nur dies: Die rechte Wange geschwollen und verschmiert, dem Mann ist ein blaues Auge geschlagen worden. Er kriegt es kaum auf. Auch die Nase ist oben geschwollen, als wäre sie gebrochen. Über achtzig Hiebe lassen sich einzeln auf seinem Körper nachzählen. Riesige Nägel haben seine Handgelenke und Füße durchbohrt. Die rechte Fußsohle drückt Blut wie mit einem Stempel auf das Laken. An der Stirn und dem Hinterkopf quillt Blut aus dem Haar. Diese schiere Evidenz lässt vielen offensichtlich keine Ruhe.

„Das Grabtuch ist eine Ikone, die mit Blut gemalt wurde, mit dem Blut eines gegeißelten, dornengekrönten und gekreuzigten Mannes, dessen rechte Seite verwundet wurde“, sagte Papst Benedikt XVI. am 2. Mai 2010 als Pilger vor der „Santa Sindone“. „Alle Blutspuren sprechen von Liebe und Leben, besonders der große Fleck in der Rippengegend, der durch das Blut und Wasser entstand, die reichlich aus einer großen, von einem Lanzenstoß verursachten Wunde strömten. Sie sind wie ein Quell, der in der Stille rauscht, und wir können ihn hören, können ihm lauschen, in der Stille des Karsamstags.“

Jedes laute Geschrei gegen das Tuch hingegen lässt auf auffällige Weise immer und bewusst den größten Skandal überhaupt außer Acht, von dem das Leinen so offensichtlich Zeugnis ablegt. Denn jeder Fälscher des Mittelalters hätte sich bei seiner Darstellung des Toten an der Ikonographie seiner Zeit orientiert. Woran denn sonst? In Turin aber sehen wir, dass Jesus am Schluss nicht einmal ein Lendentuch geblieben ist. Er liegt hier so, wie man ihn an den Pfahl genagelt hat, entblößt, wie seine Mutter ihn geboren hat. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, hören wir ihn im Evangelium des Johannes reden. Hier, in dieser Schriftrolle des Grabtuchs, ist die Wahrheit nackt. Eine gnädige Hand hat ihm im Tod die Hände über der Scham verkreuzt. Auf dem Rücken bedeckt keine Faser seinen Leib. Da läuft das Blut ganz ungehindert den Körper zu den Beinen herunter. Hier sehen wir, dass wir uns den Mensch gewordenen Gott bei seinem blutigen Sterben am Kreuz auf dem Golgatha splitterfasernackt vorstellen müssen.

von Paul Badde
Quelle: https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/Die-nackte-Wahrheit;art312,190641


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