Der Volto Santo und das Selbstporträt Dürers

Es gehört zu den ungeklärten Geheimnissen der Kunstgeschichte, warum Albrecht Dürer im Jahre 1500 sich selbst nach der « vera icon » von Rom porträtierte

(Bild Nr. 1). Er muss dieses « wahre Bild Jesu » (den heutigen Volto Santo, (Bild Nr.2) gekannt und wohl selbst gesehen haben, als er im Jahre 1594 eine Studienreise nach Italien machte. Denn es befand sich damals noch in der alten Peterskirche am sog. Veronikaaltar. Schon auf den ersten Blick sieht man die Ähnlichkeit, wenn man beide Bilder nebeneinander sieht: Der Haarbüschel an der Stirn, die Augenstellung, der Bart. Das Bild Nr. 3, das eine Sopraposition von Bild Nr. 1 und 2 ist, macht dies noch anschaulicher.

Doch warum malte Dürer sich so? Meines Wissens hat er nie etwas dazu gesagt. Im Internet unter "Albrecht Dürer – Biographie" heißt es dazu: "Dürers jesusähnliches Selbstporträt aus dem Jahre 1500 verwies nun deutlich auf seinen Anspruch als Künstler. Im Unterschied zu anderen Künstlern der Geschichte verstand sich Dürer nun nicht mehr als Handwerker, sondern als ein kreativer Schöpfer." Worauf der Verfasser dieser Worte sich bezieht, sagt er nicht. Mir erscheint diese Deutung aber höchst fragwürdig. Unterstellt sie doch eine Arroganz, die dem Wesen Dürers wohl nicht entspricht, der doch durch seine ganzen Werke als religiöser Maler sich zeigt, also mit dem christlichen Glauben sehr vertraut war. Deshalb erscheint mir eine andere Deutung seines "jesusähnlichen Selbstporträts" wahrscheinlicher.

Im 1. Johannesbrief 3, 2 heißt es: "Jetzt sind wir Kinder Gottes. Aber was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist." Dürer war offenbar überzeugt, dass das damalige Jesusbild im alten Petersdom (vera icon) das wahre Antlitz Jesu zeigt. Und es war damals ein bekanntes Ziel christlichen Lebens, Christus ähnlich zu werden. So war damals das Buch von Thomas von Kempen "Nachfolge Christi" (erschienen 1416) weit verbreitet (vgl. Internet: Nachfolge Christi). Und schon der erste Biograph des hl. Franz von Assisi, der hl. Bonaventura, hat besonders dessen Christusähnlichkeit herausgestellt.

Wenn dem so wäre, wofür meines Erachtens vieles spricht, dann wäre Dürers jesusähnliches Selbstporträt nicht ein Zeugnis von Arroganz, dass er sich wie Christus als Schöpfer verstand (s. o.). Sondern es wäre ein Zeugnis seiner christlichen Überzeugnung und Frömmigkeit, ein Idealbild, wonach er strebte, nämlich in seinem ganzen Wesen christusähnlich zu werden. Dazu sind alle Christen berufen durch die Taufe, wo es bei der Übergabe des weißen Taufkleides heißt, "dass wir in der Taufe neu geschaffen worden sind und Christus angezogen haben". Christen sind wir demnach nur in dem Maße als wir Christus ähnlich sind. Ob Albrecht Dürer dies uns mit seinem Selbstporträt sagen wollte? Möglich erscheint es mir allemal!

Bild: Nr. 01 Bild: Nr. 02 Bild: Nr. 03 Bild: Nr. 04 Bild: Nr. 05 Bild: Nr. 06
Der Volto Santo und Duerer _4
Der Volto Santo und Duerer _2
Der Volto Santo und Duerer _5
Der Volto Santo und Duerer _6
Der Volto Santo und Duerer _3
Der Volto Santo und Duerer _5
Selbstporträt von A. Dürer (1500) Volto Santo von Manoppello Sopraposition : Volto und Selbstporträt Selbstporträt Dürers 1498 Sopraposition: Volto Santo stark Sopraposition: Volto Santo schwach

Verfasser: Pfarrer Josef Läufer

Drucken E-Mail

Zurück zur Artikelübersicht "Archiv"   zurück >> Archiv

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok